Da ich kein Freund von Playlists bin und eigentlich immer Alben am Stück höre, sind meine Jahres-Charts natürlich Album-Charts. Bei den besten Alben ist mein Lieblingssong meistens jener, der gerade läuft. 😉 Die Track Tips sind also nur Beispiele, die in einer anderen Stimmung ganz anders ausfallen könnten. In der Regel korreliert aber die Schwierigkeit dabei, sich für einen Song zu entscheiden, mit der Qualität des Albums. 😉

 

1.: Lunatic Soul – Album: “Fractured” 

(Release: 6.10.2017; KscopeTrack Tip: A Thousand Shards of Heaven” 

Das ganze Album „Fractured“ ist schlichtweg der Hammer – und gleichzeitig auch die Scherben, die ein solcher anrichten kann!  Mariusz Duda (Frontmann, Sänger und Bassist von Riverside) hat mit dem fünften Album seines Soloprojekts Lunatic Soul ein sehr dichtes und durchweg starkes Werk geliefert. Die progressiven Kompositionen entwickeln sich häufig aus Bassfiguren und paaren lyrische Gesangsmelodien mal mit elektronischen Patterns und Synthie-Figuren, mal mit orchestralen Passagen oder Saxofon-Soli.

Das Album bildet einen großen Spannungsbogen und liefert ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie persönliche Schicksalsschläge und tragische Verluste mit Hilfe der Musik verarbeitet werden können. Die acht Songs drehen sich um das Gefühl, zerbrochen zu sein und darum, persönliches Leid trotz aller Schmerzen zu überwinden. Dieser Themenkomplex wird sehr eindrücklich – nicht nur in den lyrics, sondern auch mit musikalischen Mitteln, allem voran durch getrieben wirkende, kreisende rhythmische Patterns – umgesetzt. Katharsis in Reinform! Für mich ist „Fractured“ das stärkste Album des Jahres 2017!

Der Track „A Thousand Shards of Heaven“ vereint in gut zwölf Minuten Spieldauer annähernd alle musikalischen Facetten des Albums und bringt das Thema Katharsis auf den Punkt.

 

 

2.: Steven Wilson –  Album: “To The Bone”

(Release: 16.8.17; Caroline)  Track Tip: “Detonation”

Das Album „To The Bone“ ist stilistisch so vielfältig, wie man es heute selten noch zu hören bekommt. Kein Wunder, dass die Fangemeinde es mit sehr gemischten Gefühlen aufgenommen hat. Was Steven Wilson darüber denkt, hört ihr in unserem Interview.

Auch bei diesem Album – ähnlich wie bei „Fractured“ von Lunatic Soul – fällt es mir schwer, mich für einen Track zu entscheiden und auch hier macht für mich ein Longttrack das Rennen: Das neun Minuten lange „Detonation“ ist so proggy wie man es von Steven Wilson kennt. Kein tanzbarer 3,5-Minuten-Popsong, sondern eine nicht ganz leicht verdauliche, sich langsam aufbauende Nummer, die in Jazzrock–Fusion mit atemberaubenden Solopassagen kulminiert. Der Text beschreibt mögliche Beweggründe für einen Terroranschlag aus der Sicht eines Attentäters. Der Song startet zwar ruhig aber mit unterschwelliger Nervosität, die durch ein elektronisch anmutendes Beat-Gefrickel transportiert wird, das an die Geräusche eines Geigerzählers oder Metall-Detektors erinnert. Zweimal unterbricht eine verfremdete gesprochene Stimme mit den Worten “But I – will – take you – back” den dynamischen Fluss und lässt in ihrer Monitonität an einen Countdown vor einer Zündung denken. Der Titelgebende Begriff “Detonation” wird nicht mit einem plötzlichen lauten Knall umgesetzt, vielmehr entfaltet der Song die aufgestaute Energie eher wie in einer Art Zeitlupen-Detonation, bei der man die Flugbahn der einzelnen Töne zwar präzise mitverfolgen kann, aber trotzdem mit aller Wucht von ihnen mitgerissen wird!

Bei “To the Bone” ist es mir von allen Alben am schwersten gefallen, mich für Songs zu entscheiden. Schlichtweg unmöglich! Daher hier noch etwas Kontrastprogramm: Ein anderer Track auf „To The Bone“, der sich mit den Abgründen der menschlichen Psyche auseinandersetzt, ist „Song of I“, ein Duett mit Sophie Hunger. Das künstlerisch anspruchsvolle Video beeindruckt vor allem durch die Performance-Künstlerin Maya Petrovna und ihre selbst entworfenen Kostüme:

Mein Geheimtipp (und vielleicht doch heimlicher Favorit ?) von “To the Bone” ist ein  Bonus Track auf der Special Edition: “A Door Marked Summer” ist jedoch so geheim, dass dazu kein offizieller Link veröffentlicht wurde! (Aber – psssst: Im Internet könnt ihr den Song natürlich trotzdem finden; schöner ist es aber, ihn bei Hertz for Nerds im Radio über www.horads.de zu hören – z.B. am 25.12.2017 ab 20 Uhr 😉 )

Meine weiteren Eindrücke zum Album habe ich im Blogartikel http://hertzfornerds.de/steven-wilson-constantly-evolving veröffentlicht.

 

 

3.: L’Anima – Album: “Departures”

(Release: 3.5.2017; unsigned – Selbstvertrieb über http://lanimaofficial.com)    Track Tip: “Point of No Return” 

Und weiter geht’s mit Geheimtipps: L’Anima ist noch so geheim, dass die Band gerade mal 711 Likes auf Facebook hat (Stand: Dezember 2017), aber das sollte sich ändern! Auf seinem Debütalbum macht das Quintett aus England vor keinen Genregrenzen halt! Vielleicht vermittelt der Begriff ‘Latin-Prog’ eine wage Vorstellung davon, wie kontrastreich und vielschichtig die Musik ist. Eine explosive Mischung unterschiedlicher Stile – und zwar nicht nacheinander sondern gleichzeitig – fernab von gängigen Strukturen macht es einem als Hörer nicht gerade leicht, einen Zugang zu “Departures” zu finden. Man muss sich darauf einlassen und “Departures” wird mit jedem Mal hören besser! Diese acht Tracks sind wirklich ein Aufbruch zu neuen musikalischen Ufern! Vielleicht auch, weil die Bandmitglieder ganz unterschiedliche musikalische Vergangenheiten haben. Immer wieder lässt Pedro Caparros (Breed 77) in den epischen Rocksongs seine Flamencogitarre erklingen. Ungewöhnliche Perkussionsinstrumente ergänzen Double-Bassdrum-Passagen und über allem schwingt – mal sanft mal zupackend – der Gesang von Andy Mitchell (The Yardbirds – ja, genau: Die Yardbirds!).  Hier kann man wirklich auf alles gefasst sein und trotzdem wird man überrascht, z.B. wenn im Song “My Dying Cell” zuerst ein Chor, dann Operntenöre die Gesangsstimme übernehmen.

Die Nummer “Point of No Return” ist mit Abstand der eingängigste Song und der Refrain ist ein richtiger Ohrwurm. Und trotzdem ist der Track weit davon entfernt, konventionell zu sein! Wer sich eine echte Horizonterweiterung gönnen möchte, dem kann ich “Departures” ans Herz legen. Aber Vorsicht: Hörern mit wenig Prog-Erfahrung könnte es passieren, dass es ihnen wie der Hirnmasse im Video geht, denn es ist schon wieder Katharsis-Alarm: schmerzhaft aber befreiend! Da stellt sich nur noch folgende Frage, mit der auch der Opener des Albums anfängt: “Can you suffocate the pain or go with the lie of convention?”

 

 

4.: Blackfield – Album: “V”

(Release: 10.2.2o17; Kscope)     Top Track: “Family Man”

Wer seine Hirnwindungen mit L’Anima trainiert hat, kann sich jetzt was für’s Gemüt gönnen: Blackfield steht für meisterhafte melancholische Popmusik, die so emotional ist, dass sich Tränen kaum vermeiden lassen. Vielleicht auch weil die teils bombastischen Arrangements mit Streichorchester manchmal gefährlich nah an die Grenze zum Schmalzigen vordringen. Hauptkomponist und -arrangeur Aviv Geffen hat mir im Interview erklärt, das es wohl an seinen russisch-jüdischen Wurzeln liegt, Steven Wilson aber sein ‘Schmalz-Limiter’ sei, der ihn davon abhält, noch mehr Streicher in die Songs einzubauen. Am ergreifendsten wirken auf mich aber die ganz durchsichtigen, beinahe nüchternen Passagen ohne große Effekte. Wahrscheinlich liegt das Geheimnis von Blackfield gerade darin, diese zarten, puristischen Stellen gekonnt zwischen die bombastisch Parts mit ihren strahlenden Hifi-Sounds zu streuen – und der Kontrast gibt einem dann emotional den Rest. Gleichzeitig wirkt Blackfield aber auch ungemein tröstend, denn auch wenn man sich dem Motto des Albums gemäß manchmal so verloren wie “A Drop In The Ocean” fühlt – bei dieser Musik weiß man, es gibt noch andere “Lonely Souls”, die dieses Gefühl auch kennen.

Das Album mit dem schlichten Titel “V” ist einfach wahnsinnig gut produziert. Und – ja, auch ich schließe mich der vorherrschenden Meinung an – es ist um Klassen besser als der Vorgänger, bei dem Steven Wilson sich stark aus dem Projekt zurückgezogen hatte, um sich auf seine Solo-Karriere zu konzentrieren. Aviv Geffen und Steven Wilson ergänzen sich einfach perfekt! Doch als wären in diesem Duo nicht schon zwei herausragende Produzenten vereint, haben sich die beiden auf “V” nun noch Unterstützung von Trevor Horn und Alan Parsons geholt. Das Ergebnis sind 13 Hymnen (10 davon aus der alleinigen Feder von Aviv Geffen, 2 von Geffen/Wilson komponiert) von durchschnittlich 3,5 Minuten länge, die alles haben, was ambitionierten Pop-Rock ausmacht. Ein Beispiel dafür ist die Singe “Family Man”:

Blackfiled war schon immer sehr kurzweilig  – und trotzdem bin ich bei jedem Anhören überrascht, dass ein Album mit 13 Tracks eine Gesamtspieldauer von nur 44 Minuten haben kann. Derart konzise Werke ist man bei einer Vorliebe für Prog ja nicht unbedingt gewohnt 🙂     Eine Randbemerkung kann ich mir nicht verkneifen: Wen wundert es, dass der längste Song der einzige ist, den Steven Wilson allein zu diesem Werk beigesteuert hat? Mit “From 44 To 48” endet das Album nach 44 Minuten. Ein schöner Zufall?

 

 

 

5.: The Pineappe Thief – Live-Album: “Where we Stood

(Release: 8.9.2017; Kscope) Track Tip: “Alone At Sea”

Es war eine Sensation als bekannt wurde, dass die vakante Stelle des Drummers bei The Pineapple Thief für das Album “Your Wilderness” (Release 12.8.2016) mit Gavin Harrison besetzt wurde. Mit “Your Wilderness” hat sich Frontmann  Bruce Soord als Songwriter selbst übertroffen. Es ist mein Lieblingsalbum aus 2016! Im Hertz for Nerds-Interview mit Bruce Soord und Gavin Harrison haben uns die beiden verraten, dass auch das nächste Album gemeinsam entsteht. Im Anschluss konnten wir uns von den Live-Qualitäten dieser Besetzung überzeugen. Es war ein sensationelles Konzert!

Wie gut, dass von der “Your Wilderness”-Tour auch ein Live-Album samt Konzertfilm veröffentlicht wurde, den man wahlweise entweder mit Doku-Passagen oder als puren Konzertmitschnitt anschauen kann. Der Tonträger umfasst 14 Tracks, die DVD 15 Musiktitel. Darunter auch Songs früherer Alben, auf denen noch nicht Gavin Harrison getrommelt hat. Da ist natürlich der direkte Vergleich zu seinem Vorgänger Keith Harrison (nicht verwandt) interessant. Aber auch der Vergleich der Studio-Aufnahmen mit den Live-Mitschnitten ist spannend – und nicht nur wegen der oft deutlich anders ausfallenden Schlagzeug-Fills. The Pineapple Thief ist ohnehin eine grandiose Live-Band: Jeder einzelne Musiker hat eine starke Bühnenpräsenz und alle interagieren feinsinnig, aber Harrison verleiht den Songs eine Extraportion Spannung und Energie. Er macht die Band – was die Art des flexiblen Interagierens auf der Bühne betrifft – beinahe zu einer Jazz-Combo 😉 (Mehr dazu im Interview)!

 

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Lydias Lieblingsalben des Jahres 2017
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2 Gedanken zu „Lydias Lieblingsalben des Jahres 2017

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